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Briefe aus Südamerika (Auszug)              

 

7. März 2010 von Franziska Ehrhardt

 

Auch wenn das furchtbare Erdbeben in der Zentralregion von Chile momentan einfach alles überschattet, will ich Euch von meinen Erlebnissen am Ende der Welt erzählen. Es ist ein wunderschönes, mystisches Fleckchen Erde, das es zu entdecken lohnt. In einer etwa zehnstündigen Busfahrt von Punta Arenas in Chile nach Ushuaia, der südlichsten Stadt Argentiniens, überqueren wir zunächst die Magellanstrasse an ihrem östlichsten Punkt, dort, wo sie direkt auf den Atlantischen Ozean trifft. Schwarz-weiße Delphine begleiten uns ein Stück auf der 20 minütigen Fährüberfahrt, an dessen Ende uns Tierra del Fuego…Feuerland erwartet. Von den rauchenden Feuern der Ureinwohner, die dieser Region zu ihrem Namen verholfen haben, sehen wir jedoch nichts. Stattdessen fahren wir eine schier unendliche Sandpiste bis zur chilenisch-argentinischen Grenze entlang. Ab dem Grenzübergang grasen auf den endlos weiten, flachen Feldern nicht mehr Schafe, sondern Rinder und Pferde. Wir folgen eine ganze Weile der Küstenstraße am Atlantischen Ozean, um dann tiefer ins Landesinnere zu entschwinden. Aber egal wo wir uns befinden, das Land ist derart flach, so flach ist nicht einmal Mecklenburg-Vorpommern. Man könnte eine Wasserwaage auf den Boden legen, die bis zum Horizont reicht und würde keine noch so kleine Krümmung wahrnehmen.

 

Vielleicht anderthalb Stunden vor Ushuaia ändert sich die Landschaft abrupt. Hohe schneebedeckte Berge und tiefe Schluchten lösen die Ebene ab. Teils serpentinartig umfahren wir einen großzügig geschwungenen See, den Lago Fagnano. Die Wolken hängen tief, als der Blick auf den Beagle Canal und schließlich das vor einer gigantischen Bergkulisse liegende Ushuaia fällt. Ich glaube es kaum, aber ich habe tatsächlich meine südlichste Station dieser Reise erreicht. Eine wohlige Gänsehaut macht sich auf meinen Körper breit.

 

Im Hostel erwartet mich ein Vierbettzimmer, in dem Jungs und Mädels gemischt untergebracht sind. Aber zunächst bleiben wir doch nur ein harmonischer Weiberhaufen. Mit Magda aus Polen schließe ich sofort Freundschaft. Wieder eine verwandte Seele, die plötzlich in mein Leben tritt und mit der mich in Kürze ein derart vertrautes Gefühl verbindet, als seien wir gute alte Freunde. Am Abend haben wir dann den ersten Herrenbesuch. Björn vom Fischland/Darß! Die Welt ist ein Dorf und die schöne Heimat stets allgegenwärtig. Bei einem Gläschen köstlichen argentinischen Rotwein und einer guten Unterhaltung merken wir drei schnell, dass die Chemie stimmt.

 

Am Morgen unternehmen wir einen Tagesausflug in den 20 Minuten entfernten Tierra del Fuego National Park. Der Minibus setzt uns an einer Weggabelung im Wald ab und wir folgen dem Verlauf der Straße den Berg hinab zum Beagle Canal. Wilde Pferde kommen uns entgegen, ergreifen jedoch die Flucht, als hinter uns ein Reisebus auftaucht. Dann ist es wieder still. Nur das sanfte Wiegen der Bäume im Wind und vereinzelte Vogelstimmen durchbrechen die idyllische Ruhe des Waldes. Die Umgebung zieht uns sofort in den Bann. Schneebedeckte Bergspitzen strecken sich überall zum Himmel. Bis zu einer bestimmten Höhe sind die Berge üppig mit Bäumen bewachsen. Oberhalb dieser Kante kann eine unsichtbare Linie entlang der Bergkette gezogen werden. Ab diesem Punkt ist die Vegetation karg oder gar nicht mehr vorhanden und das Grün abgelöst von riesigen Schneeteppichen. Der tiefblaue Beagle Canal zu unseren Füßen beherbergt kleine Inseln, die in der Morgensonne hellgrün erleuchtet sind. Als wir das Wasser erreichen, atmen wir herrlich frische Meeresluft ein. Wir nehmen nur die Natur war und blenden die Leute, die gerade mit dem Bus angereist sind, vollständig aus. Das Strahlen in unserem Gesicht bleibt für den Rest des Tages. Das Ende der Welt ist einfach nur wunderschön und ganz anders als man es dem Namen nach vielleicht erwartet. Am Ufer sehen wir eine kleine Blockhütte. Hier bekommen wir den begehrten Stempel mit dem Schriftzug „Tierra del Fuego“ in unseren Reisepass. Wir haben offiziell das Ende der Welt betreten.

 

Die mehrstündige Wanderung führt uns an der Küstenlinie entlang durch ein üppig, dicht bewachsenes Waldgebiet. Diese farbenfrohe Landschaft beschert uns unvergessliche Momente. An den Bäumen hängen Flechten wie lumpige Stofffetzen herab, die von der letzten wilden Partynacht übrig geblieben sind. Saftig grüne Moosbetten zieren den Waldboden, der an manchen Stellen mit roten, fruchtigen Beeren übersät ist. Weit verzweigte Baumwurzeln versperren uns ein ums andere Mal den Weg. Während es steiler den Berg hinaufgeht, genießen wir den uns begleitenden Blick aufs Wasser. Eine ganze Weile scheinen wir die einzigen Menschen auf der Welt zu sein. Ein Gefühl, das wir genießen.

 

Der Pfad führt uns wieder näher an das Ufer des Beagle Canals. Das Sonnenlicht lässt die Felsen hellblau schimmern. An einer besonders schönen Stelle an der Bahia Lapataria legen wir eine Rast ein. Von hier können wir eine kleine Insel mit Möwen und Kormoranen ausmachen. Während wir unser Essen verzehren, gesellt sich ein falkenähnlicher Vogel, dessen Namen ich leider nicht kenne, zu uns. Er spaziert mal gemütlich über das Grün oder bleibt stehen und beobachtet seine Umwelt. Vielleicht beobachtet er aber auch nur uns, so wie wir ihn.

 

Tiefer im Inneren des Waldes stoßen wir auf weitere Vögel. Ein leuchtend roter Punkt, der sich vom Grün des Waldes besonders abhebt, bewegt sich im fernen Gras. Wir gehen durch das Gestrüpp und verlassen mit langsamen, bedachten Schritten unseren Wanderpfad. Das Holz knackt unter unseren Füßen bei jedem Schritt, den wir tun. Der rote Punkt hüpft auf einen umgefallenen Baumstamm und beginnt diesen zu bearbeiten. Allmählich können wir erkennen, dass es sich um einen Vogel handelt. Gute Sicht haben wir, als der rote Punkt einen Baum hinauf hastet und anfängt, diesen mit lauten Klopfgeräuschen zu bearbeiten. Das Pochen übertönt alle anderen Laute des Waldes. Wir haben einen Waldsprecht entdeckt. Und tatsächlich ist das Gefieder an seinem Kopf bis zum Halsansatz ausnahmslos knallrot. Nur ein kleines weißes Muster auf seinem Rücken unterbricht den ansonsten pechschwarzen Körper.

 

Am Abend begießen wir bei einem Abstecher in die Barlandschaft Ushuaias Magdas letzte Nacht am Ende der Welt. Im Pub namens „Dublin“ wird über Gott und die Welt geplaudert und vor allem viel gelacht. Wir wollen Magda gar nicht gehen lassen. Aber sie muss dem Ruf des Perito Moreno folgen, einem Gletscher im argentinischen El Calafate. Dafür haben wir als Reiselustige Verständnis, sind aber traurig, unsere liebe Gefährtin zu verlieren. Noch in der gleichen Nacht zieht Ian bei uns ein. Ein sympathischer US-Amerikaner aus Kalifornien, der ab dem nächsten Tag ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Dreigespanns ist.

 

Auch in Ushuaia haben Deutsche ihre Spuren hinterlassen. So gibt es beispielsweise viele Cafés, die den Namen „Tante“ tragen. Wir kehren auf einen Kaffee bei „Tante Sara“ ein. An der nächsten Ecke wartet „Tante Nina“ auf Gäste. Und so geht es munter weiter. Im Hafen stehen zahlreiche Truck-Ladungen von Hamburg-Süd. Ich könnte die Aufzählung noch eine Weile fortsetzen… Ushuaia scheint hauptsächlich vom Tourismus zu leben. Ich habe zumindest noch nie soviele Souvenirshops dicht an dicht nebeneinander gesehen. Da sich die Stadt über einen Hügel erstreckt, sind die Straßen zum Teil sehr steil. Die Autofahrer sind im Gegensatz zu denen in Chile eher ruppig und rüde. Will man in Chile eine Straße ohne Ampel überqueren, hält jedes Auto nahezu ausnahmslos an, selbst wenn man den Bürgersteig noch nicht verlassen hat. Sieht ein argentinischer Autofahrer einen Fußgänger gibt er erstmal ordentlich Gas. Die Stadt beherbergt insbesondere im Zentrum viele farbenfrohe Holzhäuser. Vor der dahinterliegenden Bergkulisse bleiben wir aufgrund der Kontraste immer wieder sprachlos stehen. Der Anblick ist einfach nur schön. Im Hafen liegen Yachten, Boote und täglich ein neues riesiges Kreuzfahrtschiff auf dem Weg in die Antarktis.

 

Zusammen mit „meinen beiden Männern“ steige ich einmal mehr auf ein Boot. Diesmal ist es ein motorisierter Katamaran mit einer großzügigen Passagierkabine und einem Außendeck, auf dem wir uns den Wind um die Ohren peitschen lassen. Das Wetter ist alles andere als schön, aber das spielt keine Rolle. Sechs Stunden sollen wir auf dem Beagle Canal, der langen Meerestrasse, die den Pazifischen und den Atlantischen Ozean miteinander verbindet, unterwegs sein. Unterwegs auf den Spuren der berühmten Weltumsegler haben wir im Vergleich zu denen nur kleine Ziele vor Augen und steuern Inseln mit Kormoranen, Seelöwen und Pinguinen an. Wir sehen sie alle. Das Schiff fährt jedesmal dicht an die Inseln oder aus dem Wasser herausragenden Felsgruppen heran. Wie an einer Kette aufgefädelte Perlen stehen die schwarz-weiß gefiederten Kormorane auf dem Felsrücken, schwingen hin und wieder ihre Flügel oder erheben sich vor unseren Augen in die Lüfte.

 

Besonders lustig wird es beim nächsten Felsen. Mehrere fette Seelöwen liegen wie schwabbelige Fleischkopse teils dicht nebeneinander, aber meistens quer übereinander, so dass kaum erkennbar ist, welcher Körperteil zu wem gehört. Hin und wieder hebt einer gelangweilt den Kopf, brüllt zähnefletschend lauthals irgendetwas heraus und vergräbt den Kopf alsbald wieder in einer großen Masse von Seelöwenfell. Eine kecke Möwe nimmt derweil auf einem Seelöwen Platz. Der mag das gar nicht und herrscht sie ebenso lautstark an wie sein Kumpel zuvor in den Wind geheult hat. Im Nu vergessen die anderen Seelöwen für einen Moment ihre Müdigkeit. Sie recken schwerfällig die Köpfe in seine Richtung als wollten sie sich über den plötzlichen Lärm beschweren.

 

Während wir uns auf den Weg zu einer Pinguininsel begeben, wiegt uns das Schiff in einen erholsamen Halbschlaf. Björn sackt für eine Weile vollständig auf seinem Platz zusammen und entschwebt in eine Traumwelt. Ian und ich, immer zu einem Scherz aufgelegt, nutzen die Gunst der Stunde. Ian hat einen Stoffpinguin dabei und der wird nun an allen nur denkbar möglichen Stellen zaghaft auf Björns Körper positioniert. Stets darauf bedacht, den Schlafenden nicht zu wecken. Dann beginnt ein endloses Fotoshooting. Natürlich mit Björns Kamera. Wir müssen derart herzhaft lachen, dass unsere Bäuche schmerzen und sich die anderen Passagiere zu uns umdrehen. Was für ein Gaudi. Wir stellen uns schon jetzt Björns Gesicht vor, wenn er sich am Abend seine Fotos auf dem Laptop anschauen wird. Und wir wissen, es wird ihm gefallen.

 

Als wir die Pinguininsel erreichen, stellt sich mir ein anderes Bild dar, als auf der Isla Magdalena in der Magellanstrasse. Dieses Mal ist die Insel grün und nur in Wassernähe ist die typische sandige Uferlandschaft zu finden. Die Frackträger befinden sich überall, recken ihre Köpfe oder stehen teilnahmslos in der Gegend herum. Einige spielen mit den Wellen in Ufernähe und rasen flink durchs Wasser. Von unserer erhöhten Position auf dem Boot können wir das Treiben wunderbar beobachten. Es ist unglaublich, mit welcher Geschwindigkeit die Pinguine unterwegs sind. An Delphine erinnernd springen sie plötzlich elegant ein Stück aus dem Wasser und verschwinden wieder in Windeseile im klaren Nass. Die putzigen Tierchen beobachten neugierig, wie wir der Insel langsam näher und schließlich dicht vor ihr zum Stehen kommen. Aber auf der Insel befinden sich nicht nur Magellanpinguine. Hier gibt es auch Papúa-Pinguine. Während die Magellanpinguine schwarz-weiß sind, zeichnen sich die Papúa-Pinguine durch rote Schnäbel und orangefarbene Füße aus. Sie scheinen auch etwas größer und kräftiger zu sein. Ein besonders lustiges Papúa-Duo zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich. Die beiden stehen sich stumm gegenüber und starren sich einfach nur an. Keine noch so minimale Bewegung ist ihren Körpern zu entlocken. Es ist als würden sie schweigend einen Disput austragen. Es gewinnt derjenige, der nicht einmal mit der Wimper zuckt und mehrere Stunden, vielleicht sogar Tage, bewegungslos stehen bleibt. Wir müssen lachen, da uns die merkwürdigsten Kommentare zu dieser komischen Situation einfallen.

 

In der Abenddämmerung laufen wir wieder im Hafen von Ushuaia ein. Die Lichter der Stadt sind bereits angezündet, aber dennoch können wir die schöne Bergkulisse, die sich hinter Ushuaia erhebt, erkennen. Den Marcial Gletscher, die vielen mit einem Zuckerguss bedeckten Bergwände und die schneebedeckten Gipfel.

 

Das Hostel in Ushuaia ist ein liebevoll eingerichteter und von angenehmen Menschen geführter Ort. Sobald wir die Türschwelle übertreten, fühlen wir uns zu Hause. Eine angenehme Wärme strömt uns von dem Ofen am Eingang entgegen. Die urige Einrichtung mit Holzvertäfelung, alten Sesseln und vielen Bildern vom schönen Ushuaia an den Wänden sorgen für noch mehr Gemütlichkeit. An den Abenden kochen wir gemeinsam. Jeder steuert Zutaten bei, aus denen wir eine köstliche Mahlzeit zaubern. Aus dem Laptop dröhnt fetzige Musik, während sich in der Küche ein angenehmer Essensduft ausbreitet. Immer wieder kommen neue Leute in die Küche, die das Herzstück des Hostels ist. Auf diese Weise lernen wir auch zwei Motorradfahrer kennen, der eine von der Westküste aus den USA, der gerade die Panamerikana bis nach Ushuaia auf seinem Motorrad durchquert hat, und einen Deutschen, der gerade seinen Traum lebt…eine Reise um die Welt auf dem geliebten Motorrad. Es ist spannend, ihren Erlebnissen zu lauschen. Gemeinsam verbringen wir einen feuchtfröhlichen Abend in unserer Stammkneipe „Dublin“. Hier ist immer gute Stimmung, aber diesmal rocken wir das Haus. Bis in den Morgen wird gefeiert, gelacht und viel zu viel getrunken. Der Kater am nächsten Tag lässt nicht lange auf sich warten. Wir treffen uns alle um die Mittagszeit mit halb zugekniffenen Augen. Björn fragt in die Runde, was denn gestern eigentlich alles passiert sei, er habe große Lücken was die Nacht anbelangt. Wir müssen lachen und kommen selber ins Grübeln. Björn greift nach seiner Kamera und entdeckt beinahe hundert Fotos, die im Laufe des Abends aufgenommen wurden. Unter schallendem Gelächter schließen sich die Lücken. Die Fotos zeigen alles und jeden. Sie lassen keine Fragen offen.

 

Der Abschied von Ushuaia fällt schwer. In der Kürze der Zeit haben wir dieses schöne Fleckchen Erde besonders lieb gewonnen. Von Ian und Björn muss ich mich noch nicht verabschieden, da wir vorerst mit Punta Arenas zufällig das gleiche Ziel haben.

 

Dann steht die wohl längste Busreise meines gesamten Südamerika-Aufenthaltes bevor. 34 Stunden von Punta Arenas nach Pucon. Die Anden verhindern, dass wir durch Chile nach Norden fahren. Stattdessen geht es durch Argentinien. Etwa auf Höhe der argentinischen Stadt Bariloche überqueren wir wieder die Grenze nach Chile. Die Fahrt ist zwar lang, aber vergeht doch unerwartet schnell. Da der Bus nicht voll besetzt ist, kann jeder bequem zwei Sitze in Anspruch nehmen.

 

Am Abend erreiche ich Pucon, einen kleinen Ort nördlich von Patagonien am Lago Villarrica und dem gleichnamigen Vulkan. Pucon ist ein beliebter Erholungs- und Freizeitort sowohl für Einheimische als auch für Touristen. Gerade einmal 14.000 Seelen leben hier. Auch ich habe vor, den Vulkan zu besteigen und einen Ausflug in den naheliegenden Nationalpark zu unternehmen. Doch wieder einmal kommt alles anders, nur diesmal leider auf ganz schreckliche Art und Weise. Ich bin extrem müde von der langen Bustour und falle im Hostel in einen tiefen Schlaf. Das Dreibettzimmer habe ich für mich alleine. Die Hauptsaison klingt langsam aus. In der Nacht werde ich leicht aus meinem Schlaf gerissen. Das Haus wackelt stark, als würde es mit mir im Bus sitzen und über die teils sehr schlechten Straßen von Argentinien brettern. Es hört nicht auf zu rütteln und zu schütteln und undefinierbare Geräusche kommen hinzu. Bevor ich einen klaren Gedanken fassen kann, ist alles vorbei. Noch immer im Halbschlaf denke ich nicht weiter darüber nach. Irgendwann später erlebe ich eine ähnliche Situation, nur etwas abgeschwächter, aber auch das kann ich nicht einordnen. Am Morgen wache ich kurz vor zehn auf. Der Blick aus dem Fenster lässt mein Herz zunächst hüpfen. Ich bin wieder zurück bei 30 Grad, Sonnenschein pur und klarem, wolkenlosem blauem Himmel. Im Hostel ist es sehr ruhig als ich zum Frühstück gehe. Der Strom ist ausgefallen und auch das Internet funktioniert nicht. Aber ich empfinde das nicht als schlimm oder ungewöhnlich, denn in Ushuaia gab es auch Stromausfall und Kommunikationsprobleme.

 

Als ich das Hostel verlasse, traue ich meinen Augen nicht. Der Blick ist frei auf den Vulkan Villarrica. Aus dem schneebedeckten Kegel entschwinden weiße Rauchwolken in die klare Luft. Ich bleibe für einige Minuten wie angewurzelt stehen. Später gehe ich durch die Straßen und bemerke unterschwellig, dass es vor dem geschlossenen Supermarkt, der längst hätte geöffnet sein müssen, lange Schlangen gibt, auch vor dem Callcenter und vor anderen Geschäften. Ich lasse mich davon aber nicht irritieren und gehe direkt zum Lago Villarrica, von dem aus ich einen noch besseren Blick auf den Vulkan genieße. Und plötzlich beginnen sich mehrere Puzzleteile nach und nach zusammen zu setzen. Irgendwann steht fest, es gab ein Erdbeben, aber niemand weiß, wie schlimm es war und welche Regionen erfasst wurden. Wir sind nahezu komplett vom Rest des Landes abgeschnitten. Die Kommunikation ist zusammengebrochen. Ich erfahre, dass der Stromausfall nicht notwendigerweise auf das Beben zurückzuführen ist, sondern auf Sofortmaßnahmen, die bei einem Erdbeben eingeleitet werden. Und eine davon ist, dass die Elektrizität abgeschaltet wird. Ich vernehme, dass das Beben auch in Santiago spürbar war und beginne mir plötzlich Sorgen zu machen. Es ist früher Nachmittag und langsam treffen Informationen in Pucon ein. Der Strom funktioniert vorübergehend wieder. Ich begebe mich zum Callcenter, um Freunde in Santiago anzurufen und im Internet mehr Informationen zu erhalten. Ich checke meine Mails und bin auf einmal wie vom Blitz getroffen. Mein Postfach ist voll von Sorgenmails aus der Heimat. Die Gewissheit ist da, dass Schlimmes passiert ist. Da jeder aufgrund des Andranges am Callcenter gebeten wird, nur wenige Minuten am PC zu verbringen, verschicke ich nur eine Mail, die alle Sorgen in Luft auflösen soll. Ein kurzer Anruf in Santiago gelingt, und bevor das Netz wieder zusammenbricht, habe ich Gewissheit, dass es meinen Freunden in der Hauptstadt gut geht. Im Laufe des Nachmittags und Abends erfahren wir aus dem Fernsehen von der Stärke und vom verheerenden Ausmaß des Erdbebens. Die Bilder sind erschütternd und sprechen für sich. Obwohl alles so nah ist, scheint es unendlich weit entfernt, denn in Pucon wird weiter gelacht und am Strand flaniert. Die Stadtverwaltung informiert alle paar Stunden über die aktuellen Entwicklungen und welche Folgen damit für einen Aufenthalt in Pucon verbunden sind. Ein Mitarbeiter der Verwaltung schreibt die Informationen auf Spanisch und Englisch auf eine große weiße Tafel, die für jeden sichtbar vor dem Hauptgebäude platziert ist. Es wird dringend geraten die Stadt nicht zu verlassen. Alle Straßen seien bis auf weiteres komplett gesperrt. Das gelte auch für das Betreten des Nationalparks und das Besteigen des Vulkans. Ausdrücklich wird zudem darauf hingewiesen, dass vom Vulkan momentan keine Gefahr ausgehe. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich diese Möglichkeit nicht einmal in Betracht gezogen.

 

Am Montag fahren erste Busse Richtung Santiago und ich versuche mein Glück am Dienstag. Keiner weiß, wie lange die Fahrt dauern wird. Nur eines ist gewiss, die Ruta 5, die Hauptverbindung zwischen Santiago und Patagonien, ist in der Erdbebenregion schwer beschädigt. Wie schwer sehe ich auf der 20 stündigen Fahrt für eine Strecke, für die man unter normalen Umständen vielleicht 9 Stunden bräuchte. Insbesondere um die Stadt Talca ist es schlimm. Es ist das eine, Bilder im Fernsehen oder Internet anzuschauen, und ein anderes mit eigenen Augen zu sehen, wie die Situation tatsächlich ist. Einige Streckenabschnitte der Autobahn existieren überhaupt nicht mehr. Es befinden sich tiefe Risse und Brüche in der Fahrbahn. Riesige Löcher sind in den Beton gefressen und offenbaren den Blick auf einen 15 Meter tiefer liegenden Fluss. Zwischendurch fehlen plötzlich 10 Meter Fahrbahn, da sie abgesackt oder zur Seite weggebrochen sind. Einige Brücken sind vollends zerstört und lassen keinen Autoverkehr mehr zu. Ich blicke auf umgefallene Busse und hoffe inständig, dass es den Menschen, die dort drin saßen, gut geht. In meinem Bus spielt sich eine für mich absurde Szenerie ab. Die meisten Reisenden sind Chilenen und nahezu jeder ist beinahe die ganze Zeit mit einem Fotoapparat bewaffnet. Ich komme mir zwischenzeitlich wie auf einer Safari in Südafrika vor. Jemand zeigt in irgendeine Richtung oder benennt diese, die Menschen stehen von ihren Sitzen auf und beugen sich aufgeregt dorthin. Manch einer steht die ganze Zeit. Bei dem häufigen Schneckentempo, das wir fahren, ist das auch nicht weiter gefährlich. Alles, was vom Erdbeben vernichtet oder betroffen ist, wird festgehalten. Jede eingefallene Mauer, jeder Bruch in der Straße, jede abgebrannte Fabrik… Für die letzten 200 km brauchen wir 5 ein halb Stunden.

 

In der Nacht um 3.30 Uhr komme ich endlich in meinem geliebten Santiago an. Ich verbringe einige Tage bei Freunden und kann mir nun selber ein Bild von den Auswirkungen machen. Ich bin etwas beruhigt als ich durch die Straßen gehe, weil vieles noch so ist wie ich es kenne. Aber auch in Santiago hat das Beben Spuren hinterlassen. In einigen wenigen Stadtteilen, den Barrios, sind Wohnhäuser zusammengefallen und besonders historische Gebäude haben unter dem „Terremoto“ gelitten. Die Stromversorgung ist in vielen Barrios zusammengebrochen und kommt erst langsam nach und nach wieder in Gang. Die Wasserversorgung ist schwierig, aber normalisiert sich allmählich. Der Hügel Cerro Santa Lucia, eine der großen Attraktionen der Stadt, ist vorerst auf unbestimmte Zeit geschlossen. Immer wieder kommt es zu Nachbeben, die wir mal mehr, mal weniger deutlich spüren. Sie sind längst sich so stark, wie das Ursprungsbeben und werden noch bestimmt zwei Monate anhalten. Das hat man uns zumindest mitgeteilt. Zwischenzeitlich erreicht mich die Nachricht, dass Pichilemu, das niedliche Fischer- und Surfdorf an der Paifikküste, dem ich im Januar einen Besuch abgestattet hatte, katastrophal von den Tsunamiwellen getroffen wurde. Ich bin erleichtert als höre, dass es zumindest José den Umständen entsprechend gut geht.

 

Eine Woche nach dem Beben gibt es in Santiago an mehreren öffentlichen Plätzen große Veranstaltungen. Chilenische Musikgruppen versuchen zu mobilisieren und Mut zuzusprechen. Die Stimmung ist bombastisch. Alles steht unter dem Motto „Chile ayuda a Chile“…“Chile hilft Chile“. Die Menschen bringen Lebensmittel, Decken und Kleidungsstücke zu Hauf zu den Veranstaltungen. Dort wird alles gesammelt und dann in die Krisenregionen gebracht. Auch Geldspenden sind willkommen. Die Menschen tanzen ausgelassen zu der erfrischenden chilenischen Musik. Zwischendurch gibt es Sprechchöre des Publikums „Viva Chile, viva Chile“. Hände werden in die Luft gerissen und im Takt der Parole geschwungen. Die Stimmung geht durch Mark und Bein. Sie drückt soviel Stolz und Zuversicht aus. Sie vermittelt das Gefühl, dass dieses Erdbeben etwas ganz normales ist. Die Bevölkerung rückt näher zusammen. Gemeinsam wird angepackt. Der Optimismus gewinnt zumindest an diesem Tag in Santiago die Oberhand.

 

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